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Faktencheck Wirksamkeit Zuckersteuer

Modellierungen statt Beweise

In der Debatte um eine Zuckersteuer werden häufig Modellierungsstudien als Beleg für positive gesundheitliche Effekte angeführt. Diese Studien simulieren jedoch nur hypothetische Entwicklungen und hängen stark von den zugrundeliegenden Annahmen und Daten ab.

Der Lebensmittelverband Deutschland und die BVE haben deshalb durch STAT-UP prüfen lassen, wie verlässlich diese Studien sind. Analysiert wurden zwei Veröffentlichungen aus Deutschland, zwei aus Großbritannien und zwei aus Mexiko – Länder, in denen eine Zuckersteuer bereits eingeführt wurde.

 

Wo die Modelle an Grenzen stoßen

 

Keine der untersuchten Modellierungsstudien erfüllt die wissenschaftlichen Anforderungen, die für politische Entscheidungen nötig wären. Die wichtigsten Gründe:

1. Kausalität wird vorausgesetzt, nicht belegt 

Die Modelle unterstellen, dass eine Zuckersteuer den Konsum senkt und dadurch das Körpergewicht sinkt. Ob diese Wirkzusammenhänge tatsächlich existieren, wurde jedoch nicht empirisch gezeigt. 

2. Vereinfachte Annahmen 

Wesentliche Einflussfaktoren wie körperliche Aktivität, Stoffwechselunterschiede, sozioökonomische Bedingungen oder kompensatorisches Essverhalten bleiben oft unberücksichtigt. Teilweise werden lineare Effekte angenommen, für die es keine Belege gibt. Zusätzliche Ungenauigkeiten entstehen, wenn aus Verkaufs- oder Absatzzahlen der tatsächliche Verzehr abgeleitet wird.

3. Veraltete Daten

Viele Modelle arbeiten mit alten oder nicht repräsentativen Datensätzen. Emmert-Fees et al. nutzen zum Beispiel Verzehrsdaten von 2005-2007. Schwendicke und Stolpe berufen sich auf Bevölkerungsdaten von 2012. Diese Daten bilden das heutige Konsum- und Bevölkerungsverhalten nicht mehr ab.

4. Realität wird unvollständig abgebildet

Durch ungenaue Daten und starke Vereinfachungen entstehen Simulationsergebnisse, die zwar im Modell plausibel wirken, aber nicht mit realen Entwicklungen übereinstimmen müssen, etwa weil Substitutionseffekte oder der Gesamtkalorienkonsum nicht berücksichtigt werden.

5. Ergebnisse werden überinterpretiert

Unsicherheiten werden häufig nicht offengelegt. Dadurch erscheinen simulierte Effekte größer, als sie tatsächlich sind. Emmert-Fees nennt 3,85 Milliarden Euro Einsparung über 20 Jahre. Das entspricht weniger als 0,04 % der jährlichen Gesundheitsausgaben in Deutschland. Diese Einordnung fehlt in der Studie.

6. Was das für die politische Debatte bedeutet

Die methodischen Schwächen, ungesicherten Annahmen und lückenhaften Daten führen zu erheblichen Unsicherheiten in allen untersuchten Modellen. Die vorliegende Studienlage bietet keine belastbare wissenschaftliche Grundlage, um eine Zuckersteuer als wirksame Maßnahme zu begründen.

Die analysierten Studien

  • Emmert-Fees et al. (2023), Deutschland

  • Schwendicke und Stolpe (2017), Deutschland

  • Rogers, Cummins et al. (2023), England

  • Cobiac et al. (2024), England

  • Gračner et al. (2022), Mexiko

  • Basto-Abreu et al. (2019), Mexiko
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Das komplette Gutachten „Statistisch-methodische Bewertung von Modellierungsstudien zu den Effekten einer Zuckersteuer“ finden Sie hier:

Eine Zusammenfassung des Gutachtens finden Sie hier:

Mediale Einordnung der Debatte

Die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit von Zuckersteuern wird auch außerhalb der Fachliteratur intensiv diskutiert. Überregionale Medien ordnen die Studienlage und internationale Erfahrungen zunehmend differenziert ein. Eine Auswahl aktueller Beiträge:

FAZ: „Die überschätzte Zuckersteuer“
Der Beitrag hinterfragt die häufig behauptete Wirksamkeit von Zuckersteuern und weist darauf hin, dass Modellrechnungen nicht mit realen Gesundheitseffekten gleichgesetzt werden können. Er argumentiert, dass fiskalische Lenkungsinstrumente komplexe Ursachen von Übergewicht nur begrenzt adressieren und ihre Wirkung auf die tatsächliche Adipositasentwicklung bislang überschätzt wird.
 

Tagesschau.de: „Zuckersteuer: Welche Auswirkungen hat sie wirklich?“
Der Artikel beleuchtet internationale Erfahrungen aus Ländern mit eingeführter Zuckersteuer und zeigt ein differenziertes Bild: Zwar gingen teils der Zuckergehalt und der Absatz bestimmter Produkte zurück, eindeutige und flächendeckende Effekte auf Übergewicht oder Gesundheit lassen sich jedoch bislang nicht konsistent belegen. Auch mögliche Ausweichreaktionen werden thematisiert.
 

RND: „Zuckersteuer in Deutschland: Wie sinnvoll ist das?“
Das RedaktionsNetzwerk Deutschland greift die aktuelle politische Debatte auf und stellt die Empfehlungen der Leopoldina den bisherigen empirischen Erkenntnissen gegenüber. Dabei wird deutlich, dass die wissenschaftliche Bewertung der langfristigen gesundheitlichen Wirkung von Zuckersteuern weiterhin umstritten ist und systematische Reviews die Evidenzlage als unsicher einstufen.

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